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Kritik

Kritik

Jeder kennt sie, doch was macht Kritik eigentlich mit uns? Ich kann jetzt nur für mich persönlich sprechen, aber ich finde Kritik super. Ja, ich liebe sie fast. ABER es kommt bei mir auf das „Wie“ an. Wenn ich nämlich kritisiert werde, sodass ich das nicht nachvollziehen kann oder im Ton angegriffen werde, dann macht Kritik ein furchtbar widerliches Gefühl in mir. Ich lächle dann meistens und und nicke ( zumindest bei Vorgesetzten – sonst gebe ich natürlich hin und wieder auch mal konter), aber innerlich beginnt es in mir zu brodeln und ich suche Fehler, die der anderen macht. Je mehr ich finde, desto mehr Spaß habe ich dabei und kann mich gut von der in meinen Augen unangebrachten Kritik distanzieren.

Jeder der schon einmal ein Buch geschrieben hat muss sich zwangsläufig auch der Kritik seiner Leser stellen. Warum hat man gewisse Dinge so geschrieben oder warum hat man den denn nun umgebracht etc.. Diese Nachfragen oder Kritiken sind wahrscheinlich für jeden Autor gut wegzustecken, weil wir unser Geschriebenes in den meisten Fällen begründen können.
Wie sieht es aber bei Kritik aus, die uns auf unsere Unzulänglichkeiten hinweisen. Hier ist der Mensch generell sehr empfindlich. Gerade als Autor hat man versucht vieles „Perfekt“ zu machen und sich bemüht ein in seinen Augen großartiges Werk zu schaffen.
Und dann kommt da einer dahergelaufen und weist ein auf Schwächen im Plot hin oder gar noch auf Rechtschreibfehler. Unverschämtheit oder?

Quark! Wir sind Menschen. Wir machen nichts perfekt und je mehr wir versuchen dies zu erreichen, desto „Unperfekter“ kann es werden.
Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich jedem dankbar bin, der mich auf nette Art und Weise kritisiert hat, sodass ich es nachvollziehen konnte ( Ich mein blöd bin ich ja nicht und die Rechtschreibfehler sehe ich selbst 😛 ).
Mein erstes Werk hat Schwächen und zwar jede Menge, aber das ist doch auch gut so. Ohne diese lohnt es sich doch kaum nach Perfektion zu streben ;-).

Aus gegebenen Anlass möchte ich daher eine in meinen Augen wertvolle Rezension, die mich erreichte teilen. Hier hat sich jemand viel Zeit genommen, um Einzelne Dinge aufzuschlüsseln. Ich muss nun allerdings auch zugeben, dass der Herr Weber über einen Wortschatz verfügt, den ich teilweise nachschlagen musste. *schäm*

Zu Larissa Reiters Jugendroman „Er kam“, und dem darin zum Ausdruck kommenden Gefühlschaos einer jungen Frau

Eine zum Teil auch humorvoll und mit Selbstironie gehaltene Buchbesprechung von Tim Weber

Wenn das Cover eines Buches mit dem Titel „Er kam“, perspektivisch ein sich in einen mutmaßlichen Abgrund stürzendes Ödfeld zeigt, über dem sich am Himmel orkanartige Wolken zusammenbrauen und der Text auch noch mit dem ersten Satz beginnt „Es war dunkel.“, so liegt mit dem Lesen dieses ersten Satzes der Verdacht nicht fern, der wohl angemessenste Aufbewahrungsort für das schöpferische Werk könnte eine verstaubte Mottenkiste in der hintersten Ecke eines gottverlassenen Kellers sein. Denn man Anlass zur Vermutung, alles Weitere könnte nach folgendem Schemata zusammengedichtet sein:

Es ist dunkel. Und es ist kalt. Draußen regnet es schwarz aus allen Wolken. Plötzlich, aus heiterem Himmel, ein diabolisches Gelächter aus dem wolkenverzogenen Dachgeschoss. Das Gelächter ist schrill. Es wird immer schriller und schriller. Unangenehm schrill. Es ist jetzt schon ganz nah. Mein Gehörsinn kollabiert. Es wird mir noch kälter. Kälter und kälter. Nun auch noch ein stechender Schmerz in der linken Brust. Blut fließt in Strömen. Ich gefriere zu Eis. Like Eis in the sunshine………

Wenn es aber in den Anschlusssätzen gleich heißt: „Ich war mir sicher, dass ich meine Augen geöffnet hatte.“; „Ich schrie, doch ich konnte mich nicht hören, fühlte nur den Schrei, der in meinem Hals brannte.“, verflüchtigt sich nicht nur dieser der erste Gedanke, sondern man spürt augenblicklich, dass hier nicht der Aspekt physikalischer Dunkelheit thematisiert wird.

Von Beginn an, wird der Leser mit Sequenzen aus düsteren, alptraumähnlichen Vorahnungen konfrontiert, die an der Gewissheit, sich doch in der Rolle des autarken, übergeordneten Betrachters zu befinden, unterschwellig kratzen. Gleich mit den ersten gelesenen Seiten, taucht man ab in eine surreal gehaltene Atmosphärendichte, die durch ihre eigenständige Sogwirkung besticht, den Leser in die Zustände von klaustrophobischen Gefühlsspannungen hineinkatapultiert.

Bei Larissa Reiters Roman „Er kam“ handelt es sich jedoch mit Nichten um eine rein trivial konzipierte Horror-, Fantasy-Story, oder aber um eine ausschließlich apokalyptische Zukunftsvision, obgleich Letzteres der Erzählung von ihrem thematischen Scherpunkt her sicherlich am nahesten kommt. Es stimmt schon. Der Mensch findet sich zwar in einer „gottverlassenen“ Welt unter dem Regiment von scheinbar willkürlich ihr Unwesen treibenden „Schattengeistern“ ausgeliefert, deren Herkunft er nicht kennt, deren alchimistisch anmutende Rezepturen zur manipulativen Mitgestaltung an den Geschehnissen er auch nicht in der Lage ist zu begreifen, ja darüber hinaus, deren offenkundige Fehlbarkeit, oder aber fehlgeleitet Sein, die Welt in den totalen Abgrund stürzen lässt. Dennoch täte man dem Buch grob Unrecht, wenn man es nur auf dieser Beschreibungsebene belassen würde.

Das Buch lässt sich parallel zu dem thematischen Plot unter den Gesichtspunkten der Auseinandersetzung einer an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden jungen Frau mit sich und ihrem Leben lesen. Im Spannungsbogen zwischen bis weil infantilen Allmacht Phantasien und adoleszenten Abnabelungsprozessen vollzieht die Geschichte ihr zweites Leben. Götterdämmerungsstimmung auf ganz eigenwillige Art und Weise.

Das augenfällig gespaltene und nur als ambivalent zu bezeichnende Verhältnis zwischen dem Geschwisterpaar Alice, Megan zu ihren auf der Bühne der Erzählung beinahe bis zur Unkenntlichkeit in den Hintergrund gerückten Eltern (es kann hier nur zutreffend von gleichermaßen gefühlsmäßiger wie mentaler Abwesenheit gesprochen werden), verschärft den Verdacht, der von der Autorin bewusst konstruierten Überschneidung der elterlichen Rollen- und Charakterzuweisung zu denen einiger Götter/Schattengeister. Gegenüber dem alkoholkranken Vater reagiert Alice durchaus noch empathisch. Sie scheint mit zunehmender Reife Mitleid für ihn zu empfinden, was erzählerisch sehr gelungen in ihren Gedankenreflektionen über einen dem Geschwisterpaar in einer Notlage behilflichen Säufer thematisiert wird. Die Mutter dagegen ist spürbar kaum auszumachen. Nur durch das Ritual des Vorsingens des „Wiegenliedes“ für ihre Kinder im Krankenzimmer bekommt sie ihre Szene. Durch die Form ihrer Krankheit (Gehirntumor) jedoch, scheint der wahre Schrecken von Alice initialisiert. Der Verlust von geborgener Kindheit. Der Verlust von Sicherheit noch Herr über die eigenen Gedanken und Gefühle zu sein. Das aufkeimende Bewusstsein für die Endlichkeit allen irdischen Lebens.

Der komplette Abschnitt des Klinikaufenthaltes gebührt allerdings für sich schon alleine wegen seiner Ausdrucksstärke einer gesonderten Hervorhebung. Der Autorin gelingt es hier ausgezeichnet, erzählerisch den Leser in einer beklemmenden Symbiose aus atmosphärisch unterschwellig brodelndem Wahnsinn und Todesahnungen mitzunehmen. Z.B. auf dem Gang des Geschwisterpaares durch einen langen Kliniktrakt zum Zimmer der todkranken Mutter. Für mich die gelungensten Passagen im gesamten Buch.

Dem Pfad des von mir gewählten psychologischen Deutungsschemata weiter folgend, gebietet es sich natürlich, kurz auf die unterschiedlichen Charakteristika der Gottespersönlichkeiten im Einzelnen einzugehen.

Paul muss wohl nicht nur aufgrund seines Erscheinungsbildes (älterer Mann) als väterliche Figur angesehen werde. Auch sein eher besonnenes Vorgehen spricht dafür. Er ist es, der Alice über die Beschaffenheit der Schattengeisterwelt aufklärt und ihr das bevorstehende Ende von nahezu der gesamten Menschheit verkündet. Er ist es aber auch, der kaum eine menschliche Gefühlsregung kennt. Seine Daseinsform beschränkt sich auf die Abstraktion der Dinge. Parallelen zum ambivalenten Vaterverhältnis von Alice können gezogen werden. Mögliche Hinweise zur Beantwortung der sich auftuenden Fragestellung der genauen Zuordnung von Paul zu den schon im Coverbild visualisierten Antipoden Himmel und Hölle, findet der Leser in den Beschreibungen des Raumes, in dem die Begegnungen zwischen den beiden stattfinden, einem zur Außenwelt komplett abgeschlossenem Kaminzimmer. Meist vollzieht sich der Wandel in das für die Vorstellung nur im „Unten“ auszumachende bzw. zu lokalisierende Zimmer, während des Überganges vom Wach- in den Schlafzustand von Alice. Ein Kaminzimmer ganz ohne jegliches Fenster zur Außenwelt kann man sich nur schwer bzw. nicht leicht im Himmel gelegen vorstellen.

Nach ähnlichem Muster lassen sich die anderen Gottespersönlichkeiten klassifizieren:

Eduard, als Projektionsfigur der erwachenden Libido einer jungen Frau. Mit ihm löst sich die sich an der Schwelle zum Erwachsenendasein befindende Alice von ihren Schwärmereien aus Kindheitstagen und Schulzeit.

Zynthia, die in ihrer angenommenen Verkörperung eines schwarzen Pumas als wahnwitzig martialisch beschrieben wird, wahlweise als personifiziertes Konglomerat von triebhaften Gedanken der jungen Alice, oder aber als grausame Mutterfigur.

Der bösartigste von allen, bezeichnender Weise nur in der Gestalt eines endpersonifizierten Stofftieres in Erscheinung tretend und nur mittels eines distanzierten „Er“ im Buch betitelt, in Anlehnung an einen psychoanalytischen Sprachduktus, vielleicht eine Art unterbewusst abgetrennte, und damit für den Verstand dinghaft gemachte, Schuldursache für das Scheitern der elterlichen Beziehung/Ehe.

Hervorgehoben sei hier noch, dass es Eduard ist, der Alice vor Zynthias Mordlust zu beschützen versucht.

Larissa Reiters Erzählstil ist gekennzeichnet durch eine geradezu bestechende Flüssigkeit. Man läuft nie Gefahr ins Stocken zu geraten, ist jederzeit von ihren in Wörtern aufs Papier gebannten Ideenreichtum gefesselt. Gleichwohl beherrscht sie Handlungsstränge dort, wo es angemessen erscheint, sinnvoll zu verkürzen. Auch thematische Ausweitung und detailgenaue Beschreibungen setzt sie gekonnt ein. Hin und wieder vergaloppiert sich die Autorin jedoch ein klein wenig in den Darstellungen der emotionalen Gefühlswelt ihrer Hauptfigur durch die Verwendung bloßer, sich wiederholender Auflistungslitaneien geläufiger Adjektive. Hier könnte in der Tat weniger manchmal mehr sein. Ein partiell stärker fokussierter indirekter Zugang (Ausarbeitung) zur emotionalen Verfasstheit ihrer Hauptfigur, täte dem Buch möglicherweise gut.

An der einen oder anderen Stelle scheint es zudem augenfällig, dass die stilistischen Mittel der Autorin für ihr Vorhaben vielleicht noch nicht ganz ausgereift sind. So verfehlt die im letzten Kapitel verfolgte Idee, der Entmachtung und Auslöschung von Zynthia durch die scheinbar logische Unmöglichkeit des bewussten Loslassens und der Nivellierung der eigenen Gedanken, ein wenig ihre Wirkung, durch überhastetes Hinweggehen über dieses Thema. Es wird nur knapp und unpräzise darauf eingegangen, die an sich sehr gute und ausbaufähige Idee, somit zum großen Teil einfach ausgespart. Die Autorin holt den Leser hier nicht genügend ab. Dieser Showdown hätte thematisch und erzählerisch ruhig ein wenig mehr ausgekostet werden dürfen. Wie in der Gesamtschau auch das Wechselspiel zwischen reiner Imagination von Wirklichkeit (Gedankenwelt von Alice) und „offenkundigem“ Geschehen (Story/Realität). Mit der Vertiefung der Idee, dass Gott möglicherweise nur Gedanke, nur Vorstellung im Sinne eines Schattengeistes ist, bekäme die Geschichte mehr Freiheit, ließe dem Leser eine Dimension mehr selbstreflektorischen Spielraum.

Allerdings sollte, muss auch, mein Alter hier die nötige Berücksichtigung finden. Denn das Buch ist als Jugendroman deklariert, richtet sich also in erster Linie an ein jüngeres Publikum. Aber was heißt das schon.

Vielleicht führt es gerade deshalb aber auch zu weit, und lag nicht ganz in der Intention der Autorin, wenn man hinter einer möglichen Entflechtung der adoleszenten Gottescharakteren und ihrer auf alchimistischen Formelwerk basierenden Wirklichkeit, die Skizzierungen einer holistischen Irrationalität, und damit verbunden Kritik, des in seiner Ausschließlichkeit totalitären, westlichen Wissenschaftsglaubens vermuten möchte. Das in dem Buch thematisierte geworfene Sein, um mit Heidegger zu sprechen, sein ursprünglich auf sich selbst gestellt sein in Abwesenheit jeglicher Autorität, ja, in Abwesenheit von Gott als oberste Autorität selbst, legt diesen Verdacht unter Vorhalt der Gründe, für die in der Geschichte geschilderte Katastrophe, jedoch nahe. Eine pointiertere Herausarbeitung der verschiedenen Persönlichkeiten Gottes wäre daher wünschenswert. Es dürfte ihnen ruhig noch ein klein wenig mehr Leben eingehaucht werden. Möglicherweise ein umsetzbares Vorhaben innerhalb des zweiten Band der ins Auge gefassten Gottestrilogie.

Dies scheint hier nun eine geeignete Stelle, allmählich die Schlusswürdigung meiner Rezession von „Er kam“ anklingen zu lassen, wäre da nicht eine Sache, die mir noch unter den Fingernägeln brennt. Meiner sich gelegentlich bemerkbar machenden Neigung zum Sarkasmus (etwa eine Persönlichkeitsstörung?), manch ein Dritter würde sich sogar hinreißen lassen von Chauvenismus zu sprechen, lassen wir hierfür freien Lauf. Wem dies nicht liegt, möge bitte die nächsten 8089 mit Leerzeichen versehenen Zeichensätze überspringen, angefangen zu zählen nicht ab dem gelesenen hier, sondern ab dem Folgenden, Punkt.

Es muss wohl auf das Naturell zurückgeführt werden, das Glas eher halb leer, als halb voll zu sehen. Daher ist es auch ganz bestimmt ein klein wenig unfair, einer an sich gelungenen Erzählung noch einen weiteren Kritikpunkt mit anzufügen. Der Leser dieser 8089 Zeichensätze möge hierin bitteschön nur meinen Ärger und meine Verstimmtheit darüber sehen, dass einem im Gesamtbild wirklich gut durchdachten Roman, hier und da ein paar äußerst unnötige Schönheitsfehler (nicht nur orthographischer Natur) unterlaufen sind. Die hätten bei einem sorgfältigen Lektorat, welches sich ernsthaft mit der Autorin und ihrer Geschichte auseinandersetzt, vermieden werden können, ja müssen.

Das im Text zu häufig frequentierte, abrupte Springen zwischen unterschiedlichen Stimmungslagen, hinterlassen (zumindest mir ging es so) ab und an das Gefühl von Unstimmigkeit. Als Beispiel:

Was für Bilder zu welch einer Szene entstehen im Kopf, ganz gleich in welcher Beziehung man zum Vater gestanden haben mochte, ganz gleich auch, welch apokalyptisches Endzeitszenario sich im Hintergrund möglicherweise auftut und die Seele belastet, wenn man fast nahtlos zur sowohl das nötige Maß an Pietät wie auch Trauer nicht missenden Szene der Auffindung des toten Vaters in seinem Schlafzimmer (der da oben übrigens noch halb warm liegt) , die Sätze ließt, bzw. um die Ohren gehauen bekommt:

Die gute Anna schien nicht auf Streit aus zu sein. Megan kam nach draußen.

Hallo, ich wusste gar nicht, dass wir Besuch haben“, sagte sie überrascht.

Hallo, ich bin Anna Koch vom Jugendamt. Ich würde gerne ein paar Dinge mit dir besprechen.“

Nur drei Sätze weiter:

Bei einer Tasse Kaffee wurden die Fakten auf den Tisch gelegt.

Ach her je. Na, dann lasst uns mal die Fakten auf den Tisch legen. Man hätte die Lektorin oder den Lektor, oder wer auch immer sich so nennen will, sofort fragen müssen, warum von deren Seiten nicht gleich vorgeschlagen wurde, aus der Sang- und Klanglosen „Tasse Kaffee“ eine „gute Tasse Kaffee“ zu machen. Das wäre doch um ein Vielfaches ausdrucksstärker und stimmiger, oder etwa nicht? „Megan, setz schon mal Kaffee auf. Wir haben Besuch.“ Natürlich, der Vater ist soeben verstorben und seine Mädels schnacken schon wieder in der Küche bei einer guten Tasse Kaffee. Das wäre in der Tat der Situation angemessen, denn Frauen neigen ja bekanntlich dazu alles tot zu quatschen, bei einer guten Tasse Kaffee alle mal.

Ja, kann ja durchaus sein, dass man im Angesicht des Todes auch mal nen Pott schwarzen Kaffee zu sich nimmt. Aber muss man das mit dazuschreiben? Auch ein Teenager ist kein emotionaler Springfloh. Da möchte bei mir nur gerechter Zorn aufkommen.

Natürlich rückt der Tod des eigenen Vaters für die durchschnittliche Abiturientin ein wenig in den Schatten, wenn Eduard, eine Art geklontes Zwitterwesen aus Brad Pit und George Clooney, also Gott himself, nur noch Augen für den Liebreiz von Alice hat. Der lässt nämlich mit seinen funkelnden, grünen Augen nicht nur Alice Herz schneller klopfen, sondern alsbald auch deren Tür, um seine sich in anzunehmender Trauer befindende Herzschmerzliebe zu trösten. In solch einer verfahrenen Situation, die wohl für jeden weiblichen Teenager, der gerade mal seine Bravo Zeiten hinter sich haben dürfte, eine nur durch und durch als verwirrend anzunehmende Grenzerfahrung darstellt, kann man den verbalen Blackout schon verstehen, als Alice den Polizisten fragt:

Was passiert nun mit der Leiche?“

Ja bin ich hier im Tatort, fragt sich da nur der Leser. So unterscheiden sich aber vielleicht nun mal Mädchen von Jungen Phantasien, mag Mann sich noch denken. Wäre Alice ein solcher, ein Mann, so bestünde Gottes Wirklichkeit womöglich aus lauter Zynthias im Erscheinungsbild von Selma Hayek oder aber Britney Spears, an deren rot lackierten Zehen er begleitet von ihrem sirenenhaften Gesang „Ups, I did it again“ dann kauen darf, nachdem sie den Armen kurz zuvor in den Wahnsinn gevögelt haben, pardon, trieben. Mädchen träumen schließlich auch von Ponys mit geschweifter Mähne, oder aber Prinzen auf einem stattlichen Hengst. Jungs doch nur von röhrenden Motoren, quietschenden Reifen, Ross Meyers Mega Vixen, oder aber Dolly Busters einmal Getragenem. Nichts da, mit Boygroup Schönlingen aus dem Fernsehen. Eher schon who the fuck is Alice.

Und der so Angesprochene, quasi einer Soap Opera oder Boy Group Entsprungene, feurig funkelnde Götterbote, hat ja erst einmal seinem Stande angemessen auch nichts Besseres zu tun, als in seiner jede „zahnbespankte“ Teenagerin in den Kreisch Zustand versetzenden geleckten Schönheit, den türkischen Kioskbesitzer um die Ecke zu bringen. Warum? Ja natürlich, er wollte nur spielen. Diese Jungs wollen immer nur spielen. So sind sie nun mal, die Ikonen der Mädchenphantasien. Es obliegt dann selbstverständlich Alice, der reifen Abiturientin, die sich ja gerade auch noch anschickt die Welt zu retten, um gegen dieses eklatante Missverhalten Eduards anzugehen. Mit dem ethisch und moralisch, nachhaltigem Zeigefinger verweist sie auf sein Adamsgeschlecht, um ihm sein infantiles, unverantwortliches Handeln vor Augen zu führen.

Wer böte sich für dieses Vorhaben als Projektionsfläche der Bravo lesenden Pickelgesichter aus der Unterstufe auch besser an als sie, Alice, auf der die Blicke der Schulmädchen ohnehin kleben dürften? Alleine schon, weil sie doch so beliebt ist. Und das, obwohl an ihrer Seite die jüngere Schwester steht, die als kaum noch auszumachende „Timotehafte“ Schönheit anzunehmen ist, so geblendet wird man von ihrer äußerlichen Beschreibung.

Ins rechte Licht rücken nennt man sowas. Vorankündigungen darüber, wie wohl eine mögliche Ehe zwischen Eduard und Alice aussehen könnte:

Schatz, Sex erst, wenn du den Mülleimer runtergebracht hast.“

Als von dieser Spielart des Feminismus nicht vollends überzeugter Mann, möchte man da Alice, wie im Wunderland, die eigene Geschichte vorhalten:

Alice, du hast es hier mit einem Gott zu tun. Der darf im Stehen pinkeln. Der darf das sogar frei Hand.“

Doch sie muss halt etwas ganz besonderes an sich haben, unsere Alice. Das fällt auch Gott auf. Auch wenn der sich nicht ganz schlüssig darüber zu sein scheint, was es genau ist. Er hört sie halt gut. Ihre leidenschaftliche Emotionalität, ihre überbordende Phantasie.

Was lässt sich also zu dieser Kaffeeszene noch weiter sagen, außer eben, dass solch offensichtliche Eseleien, ganz sicher nicht eine gewissenhafte Durchsicht genossen haben. Fehlte nur noch, (warum muss ich eigentlich erst auf diese brillante Idee kommen?), eine der Schwestern aussprechen zu lassen:

Ach komm, das war so ein beschissener Tag. Lass uns shoppen gehen.“

Solche Stellen lassen sich meiner Ansicht nach nicht nur durch spitzfindigen Sarkasmus, oder gar Humor erklären. Hier offenbaren sich nicht nur (aber auch) die Tücken des Self Publishing.

Zum einen ist es schon richtig, dass die Erzählung, trotz der an sich düster gehaltenen Thematik, unter anderem auch von der Leichtigkeit und Unbeschwertheit Larissa Reiters Erzählstils lebt. Andererseits muss man sich entscheiden, was und wie man erzählen möchte. Das gilt auch schon nur für eine Rezession.

Nach dieser barschen und viel zu hart ausgefallenen Kritik, ist es nicht nur der Fairness halber ein absolutes muss, zu sagen, dass ich „Er kam“ beinahe an einem Stück durchgelesen habe. Nicht weil ich so schnell lese, das Gegenteil ist der Fall, sondern weil das Lesen einfach so viel Spaß gemacht hat. Letztendlich ist die Freude am Lesen für ein lesenswertes Buch nämlich entscheidend, und „Er kam“ erfüllt dieses Kriterium. Vom Ideenreichtum der Autorin sollte sich der eine oder andere Schriftsteller ruhig mal eine Ecke abschneiden. Ich kann es auch nur nochmals wiederholen. Bei solchen und ähnlichen Szenen wie der Kaffeeszene wird mir schlagartig bewusst, dass ich ein Mann bin. Einer zudem, der seine Schulzeit auf einem Jungeninternat abgesessen hat, und daher womöglich der schwärmerische Sprachduktus von pupertierenden Schulmädchen ein wenig schräg in den Ohren hängt. Auch auf mein Alter sei nochmals gesondert verwiesen. Lassen wir es darauf beruhen.

Larissa Reiters Erstling „Er kam“ und ihr eigenwilliges Vermarktungskonzept haben mich sehr überrascht und überzeugt. Und zwar dahingehend, dass es der Jungautorin gleich schon mit ihrer ersten Erzählung gelungen ist, einen gleichermaßen spannenden wie phantasievollen Roman von knapp 400 Seiten vorzulegen, den man nach den ersten gelesenen Seiten nicht mehr so schnell aus den Händen lässt, wie auch die herzerfrischend, unbekümmerte Art und Weise ihres Herangehens und ihrer Dokumentation (Larissa Reiters Homepage) der zu bewältigenden kleinen und großen Abenteuer auf ihrer Spendentour mit Rad und Hund quer durch Deutschland. Man verfolgt in Bild und Text die Etappen der Sommerreise einer sympathischen, jungen Frau, geht gedanklich mit auf Reisen. Sowas macht schlicht und ergreifend nur Freude und gute Laune. In Allem, eine wirklich runde und gelungene Sache. Nicht nur die Bilder, sondern auch das Lesen.

Man darf also sehr gespannt sein, ich bin es alle mahl, wie diese bemerkenswerte Reise, auch die Literarische, für Larissa Reiter weitergeht. Ich wünsche ihr dafür das Beste.

Zum Schluss sei mir diese eine Bemerkung noch erlaubt:

Gott ist nicht tot, sondern über der Lektüre von Larissa Reiters Roman so vertieft, dass er für alles andere keine Zeit mehr hat.

Tim Weber (43 Jahre)

Danke für die ehrliche Rezension.

Kritik

Kritik

Jeder kennt sie, doch was macht Kritik eigentlich mit uns? Ich kann jetzt nur für mich persönlich sprechen, aber ich finde Kritik super. Ja, ich liebe sie fast. ABER es kommt bei mir auf das „Wie“ an. Wenn ich nämlich kritisiert werde, sodass ich das nicht nachvollziehen kann oder im Ton angegriffen werde, dann macht Kritik ein furchtbar widerliches Gefühl in mir. Ich lächle dann meistens und und nicke ( zumindest bei Vorgesetzten – sonst gebe ich natürlich hin und wieder auch mal konter), aber innerlich beginnt es in mir zu brodeln und ich suche Fehler, die der anderen macht. Je mehr ich finde, desto mehr Spaß habe ich dabei und kann mich gut von der in meinen Augen unangebrachten Kritik distanzieren.

Jeder der schon einmal ein Buch geschrieben hat muss sich zwangsläufig auch der Kritik seiner Leser stellen. Warum hat man gewisse Dinge so geschrieben oder warum hat man den denn nun umgebracht etc.. Diese Nachfragen oder Kritiken sind wahrscheinlich für jeden Autor gut wegzustecken, weil wir unser Geschriebenes in den meisten Fällen begründen können.
Wie sieht es aber bei Kritik aus, die uns auf unsere Unzulänglichkeiten hinweisen. Hier ist der Mensch generell sehr empfindlich. Gerade als Autor hat man versucht vieles „Perfekt“ zu machen und sich bemüht ein in seinen Augen großartiges Werk zu schaffen.
Und dann kommt da einer dahergelaufen und weist ein auf Schwächen im Plot hin oder gar noch auf Rechtschreibfehler. Unverschämtheit oder?

Quark! Wir sind Menschen. Wir machen nichts perfekt und je mehr wir versuchen dies zu erreichen, desto „Unperfekter“ kann es werden.
Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich jedem dankbar bin, der mich auf nette Art und Weise kritisiert hat, sodass ich es nachvollziehen konnte ( Ich mein blöd bin ich ja nicht und die Rechtschreibfehler sehe ich selbst 😛 ).
Mein erstes Werk hat Schwächen und zwar jede Menge, aber das ist doch auch gut so. Ohne diese lohnt es sich doch kaum nach Perfektion zu streben ;-).

Aus gegebenen Anlass möchte ich daher eine in meinen Augen wertvolle Rezension, die mich erreichte teilen. Hier hat sich jemand viel Zeit genommen, um Einzelne Dinge aufzuschlüsseln. Ich muss nun allerdings auch zugeben, dass der Herr Weber über einen Wortschatz verfügt, den ich teilweise nachschlagen musste. *schäm*

Zu Larissa Reiters Jugendroman „Er kam“, und dem darin zum Ausdruck kommenden Gefühlschaos einer jungen Frau

Eine zum Teil auch humorvoll und mit Selbstironie gehaltene Buchbesprechung von Tim Weber

Wenn das Cover eines Buches mit dem Titel „Er kam“, perspektivisch ein sich in einen mutmaßlichen Abgrund stürzendes Ödfeld zeigt, über dem sich am Himmel orkanartige Wolken zusammenbrauen und der Text auch noch mit dem ersten Satz beginnt „Es war dunkel.“, so liegt mit dem Lesen dieses ersten Satzes der Verdacht nicht fern, der wohl angemessenste Aufbewahrungsort für das schöpferische Werk könnte eine verstaubte Mottenkiste in der hintersten Ecke eines gottverlassenen Kellers sein. Denn man Anlass zur Vermutung, alles Weitere könnte nach folgendem Schemata zusammengedichtet sein:

Es ist dunkel. Und es ist kalt. Draußen regnet es schwarz aus allen Wolken. Plötzlich, aus heiterem Himmel, ein diabolisches Gelächter aus dem wolkenverzogenen Dachgeschoss. Das Gelächter ist schrill. Es wird immer schriller und schriller. Unangenehm schrill. Es ist jetzt schon ganz nah. Mein Gehörsinn kollabiert. Es wird mir noch kälter. Kälter und kälter. Nun auch noch ein stechender Schmerz in der linken Brust. Blut fließt in Strömen. Ich gefriere zu Eis. Like Eis in the sunshine………

Wenn es aber in den Anschlusssätzen gleich heißt: „Ich war mir sicher, dass ich meine Augen geöffnet hatte.“; „Ich schrie, doch ich konnte mich nicht hören, fühlte nur den Schrei, der in meinem Hals brannte.“, verflüchtigt sich nicht nur dieser der erste Gedanke, sondern man spürt augenblicklich, dass hier nicht der Aspekt physikalischer Dunkelheit thematisiert wird.

Von Beginn an, wird der Leser mit Sequenzen aus düsteren, alptraumähnlichen Vorahnungen konfrontiert, die an der Gewissheit, sich doch in der Rolle des autarken, übergeordneten Betrachters zu befinden, unterschwellig kratzen. Gleich mit den ersten gelesenen Seiten, taucht man ab in eine surreal gehaltene Atmosphärendichte, die durch ihre eigenständige Sogwirkung besticht, den Leser in die Zustände von klaustrophobischen Gefühlsspannungen hineinkatapultiert.

Bei Larissa Reiters Roman „Er kam“ handelt es sich jedoch mit Nichten um eine rein trivial konzipierte Horror-, Fantasy-Story, oder aber um eine ausschließlich apokalyptische Zukunftsvision, obgleich Letzteres der Erzählung von ihrem thematischen Scherpunkt her sicherlich am nahesten kommt. Es stimmt schon. Der Mensch findet sich zwar in einer „gottverlassenen“ Welt unter dem Regiment von scheinbar willkürlich ihr Unwesen treibenden „Schattengeistern“ ausgeliefert, deren Herkunft er nicht kennt, deren alchimistisch anmutende Rezepturen zur manipulativen Mitgestaltung an den Geschehnissen er auch nicht in der Lage ist zu begreifen, ja darüber hinaus, deren offenkundige Fehlbarkeit, oder aber fehlgeleitet Sein, die Welt in den totalen Abgrund stürzen lässt. Dennoch täte man dem Buch grob Unrecht, wenn man es nur auf dieser Beschreibungsebene belassen würde.

Das Buch lässt sich parallel zu dem thematischen Plot unter den Gesichtspunkten der Auseinandersetzung einer an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden jungen Frau mit sich und ihrem Leben lesen. Im Spannungsbogen zwischen bis weil infantilen Allmacht Phantasien und adoleszenten Abnabelungsprozessen vollzieht die Geschichte ihr zweites Leben. Götterdämmerungsstimmung auf ganz eigenwillige Art und Weise.

Das augenfällig gespaltene und nur als ambivalent zu bezeichnende Verhältnis zwischen dem Geschwisterpaar Alice, Megan zu ihren auf der Bühne der Erzählung beinahe bis zur Unkenntlichkeit in den Hintergrund gerückten Eltern (es kann hier nur zutreffend von gleichermaßen gefühlsmäßiger wie mentaler Abwesenheit gesprochen werden), verschärft den Verdacht, der von der Autorin bewusst konstruierten Überschneidung der elterlichen Rollen- und Charakterzuweisung zu denen einiger Götter/Schattengeister. Gegenüber dem alkoholkranken Vater reagiert Alice durchaus noch empathisch. Sie scheint mit zunehmender Reife Mitleid für ihn zu empfinden, was erzählerisch sehr gelungen in ihren Gedankenreflektionen über einen dem Geschwisterpaar in einer Notlage behilflichen Säufer thematisiert wird. Die Mutter dagegen ist spürbar kaum auszumachen. Nur durch das Ritual des Vorsingens des „Wiegenliedes“ für ihre Kinder im Krankenzimmer bekommt sie ihre Szene. Durch die Form ihrer Krankheit (Gehirntumor) jedoch, scheint der wahre Schrecken von Alice initialisiert. Der Verlust von geborgener Kindheit. Der Verlust von Sicherheit noch Herr über die eigenen Gedanken und Gefühle zu sein. Das aufkeimende Bewusstsein für die Endlichkeit allen irdischen Lebens.

Der komplette Abschnitt des Klinikaufenthaltes gebührt allerdings für sich schon alleine wegen seiner Ausdrucksstärke einer gesonderten Hervorhebung. Der Autorin gelingt es hier ausgezeichnet, erzählerisch den Leser in einer beklemmenden Symbiose aus atmosphärisch unterschwellig brodelndem Wahnsinn und Todesahnungen mitzunehmen. Z.B. auf dem Gang des Geschwisterpaares durch einen langen Kliniktrakt zum Zimmer der todkranken Mutter. Für mich die gelungensten Passagen im gesamten Buch.

Dem Pfad des von mir gewählten psychologischen Deutungsschemata weiter folgend, gebietet es sich natürlich, kurz auf die unterschiedlichen Charakteristika der Gottespersönlichkeiten im Einzelnen einzugehen.

Paul muss wohl nicht nur aufgrund seines Erscheinungsbildes (älterer Mann) als väterliche Figur angesehen werde. Auch sein eher besonnenes Vorgehen spricht dafür. Er ist es, der Alice über die Beschaffenheit der Schattengeisterwelt aufklärt und ihr das bevorstehende Ende von nahezu der gesamten Menschheit verkündet. Er ist es aber auch, der kaum eine menschliche Gefühlsregung kennt. Seine Daseinsform beschränkt sich auf die Abstraktion der Dinge. Parallelen zum ambivalenten Vaterverhältnis von Alice können gezogen werden. Mögliche Hinweise zur Beantwortung der sich auftuenden Fragestellung der genauen Zuordnung von Paul zu den schon im Coverbild visualisierten Antipoden Himmel und Hölle, findet der Leser in den Beschreibungen des Raumes, in dem die Begegnungen zwischen den beiden stattfinden, einem zur Außenwelt komplett abgeschlossenem Kaminzimmer. Meist vollzieht sich der Wandel in das für die Vorstellung nur im „Unten“ auszumachende bzw. zu lokalisierende Zimmer, während des Überganges vom Wach- in den Schlafzustand von Alice. Ein Kaminzimmer ganz ohne jegliches Fenster zur Außenwelt kann man sich nur schwer bzw. nicht leicht im Himmel gelegen vorstellen.

Nach ähnlichem Muster lassen sich die anderen Gottespersönlichkeiten klassifizieren:

Eduard, als Projektionsfigur der erwachenden Libido einer jungen Frau. Mit ihm löst sich die sich an der Schwelle zum Erwachsenendasein befindende Alice von ihren Schwärmereien aus Kindheitstagen und Schulzeit.

Zynthia, die in ihrer angenommenen Verkörperung eines schwarzen Pumas als wahnwitzig martialisch beschrieben wird, wahlweise als personifiziertes Konglomerat von triebhaften Gedanken der jungen Alice, oder aber als grausame Mutterfigur.

Der bösartigste von allen, bezeichnender Weise nur in der Gestalt eines endpersonifizierten Stofftieres in Erscheinung tretend und nur mittels eines distanzierten „Er“ im Buch betitelt, in Anlehnung an einen psychoanalytischen Sprachduktus, vielleicht eine Art unterbewusst abgetrennte, und damit für den Verstand dinghaft gemachte, Schuldursache für das Scheitern der elterlichen Beziehung/Ehe.

Hervorgehoben sei hier noch, dass es Eduard ist, der Alice vor Zynthias Mordlust zu beschützen versucht.

Larissa Reiters Erzählstil ist gekennzeichnet durch eine geradezu bestechende Flüssigkeit. Man läuft nie Gefahr ins Stocken zu geraten, ist jederzeit von ihren in Wörtern aufs Papier gebannten Ideenreichtum gefesselt. Gleichwohl beherrscht sie Handlungsstränge dort, wo es angemessen erscheint, sinnvoll zu verkürzen. Auch thematische Ausweitung und detailgenaue Beschreibungen setzt sie gekonnt ein. Hin und wieder vergaloppiert sich die Autorin jedoch ein klein wenig in den Darstellungen der emotionalen Gefühlswelt ihrer Hauptfigur durch die Verwendung bloßer, sich wiederholender Auflistungslitaneien geläufiger Adjektive. Hier könnte in der Tat weniger manchmal mehr sein. Ein partiell stärker fokussierter indirekter Zugang (Ausarbeitung) zur emotionalen Verfasstheit ihrer Hauptfigur, täte dem Buch möglicherweise gut.

An der einen oder anderen Stelle scheint es zudem augenfällig, dass die stilistischen Mittel der Autorin für ihr Vorhaben vielleicht noch nicht ganz ausgereift sind. So verfehlt die im letzten Kapitel verfolgte Idee, der Entmachtung und Auslöschung von Zynthia durch die scheinbar logische Unmöglichkeit des bewussten Loslassens und der Nivellierung der eigenen Gedanken, ein wenig ihre Wirkung, durch überhastetes Hinweggehen über dieses Thema. Es wird nur knapp und unpräzise darauf eingegangen, die an sich sehr gute und ausbaufähige Idee, somit zum großen Teil einfach ausgespart. Die Autorin holt den Leser hier nicht genügend ab. Dieser Showdown hätte thematisch und erzählerisch ruhig ein wenig mehr ausgekostet werden dürfen. Wie in der Gesamtschau auch das Wechselspiel zwischen reiner Imagination von Wirklichkeit (Gedankenwelt von Alice) und „offenkundigem“ Geschehen (Story/Realität). Mit der Vertiefung der Idee, dass Gott möglicherweise nur Gedanke, nur Vorstellung im Sinne eines Schattengeistes ist, bekäme die Geschichte mehr Freiheit, ließe dem Leser eine Dimension mehr selbstreflektorischen Spielraum.

Allerdings sollte, muss auch, mein Alter hier die nötige Berücksichtigung finden. Denn das Buch ist als Jugendroman deklariert, richtet sich also in erster Linie an ein jüngeres Publikum. Aber was heißt das schon.

Vielleicht führt es gerade deshalb aber auch zu weit, und lag nicht ganz in der Intention der Autorin, wenn man hinter einer möglichen Entflechtung der adoleszenten Gottescharakteren und ihrer auf alchimistischen Formelwerk basierenden Wirklichkeit, die Skizzierungen einer holistischen Irrationalität, und damit verbunden Kritik, des in seiner Ausschließlichkeit totalitären, westlichen Wissenschaftsglaubens vermuten möchte. Das in dem Buch thematisierte geworfene Sein, um mit Heidegger zu sprechen, sein ursprünglich auf sich selbst gestellt sein in Abwesenheit jeglicher Autorität, ja, in Abwesenheit von Gott als oberste Autorität selbst, legt diesen Verdacht unter Vorhalt der Gründe, für die in der Geschichte geschilderte Katastrophe, jedoch nahe. Eine pointiertere Herausarbeitung der verschiedenen Persönlichkeiten Gottes wäre daher wünschenswert. Es dürfte ihnen ruhig noch ein klein wenig mehr Leben eingehaucht werden. Möglicherweise ein umsetzbares Vorhaben innerhalb des zweiten Band der ins Auge gefassten Gottestrilogie.

Dies scheint hier nun eine geeignete Stelle, allmählich die Schlusswürdigung meiner Rezession von „Er kam“ anklingen zu lassen, wäre da nicht eine Sache, die mir noch unter den Fingernägeln brennt. Meiner sich gelegentlich bemerkbar machenden Neigung zum Sarkasmus (etwa eine Persönlichkeitsstörung?), manch ein Dritter würde sich sogar hinreißen lassen von Chauvenismus zu sprechen, lassen wir hierfür freien Lauf. Wem dies nicht liegt, möge bitte die nächsten 8089 mit Leerzeichen versehenen Zeichensätze überspringen, angefangen zu zählen nicht ab dem gelesenen hier, sondern ab dem Folgenden, Punkt.

Es muss wohl auf das Naturell zurückgeführt werden, das Glas eher halb leer, als halb voll zu sehen. Daher ist es auch ganz bestimmt ein klein wenig unfair, einer an sich gelungenen Erzählung noch einen weiteren Kritikpunkt mit anzufügen. Der Leser dieser 8089 Zeichensätze möge hierin bitteschön nur meinen Ärger und meine Verstimmtheit darüber sehen, dass einem im Gesamtbild wirklich gut durchdachten Roman, hier und da ein paar äußerst unnötige Schönheitsfehler (nicht nur orthographischer Natur) unterlaufen sind. Die hätten bei einem sorgfältigen Lektorat, welches sich ernsthaft mit der Autorin und ihrer Geschichte auseinandersetzt, vermieden werden können, ja müssen.

Das im Text zu häufig frequentierte, abrupte Springen zwischen unterschiedlichen Stimmungslagen, hinterlassen (zumindest mir ging es so) ab und an das Gefühl von Unstimmigkeit. Als Beispiel:

Was für Bilder zu welch einer Szene entstehen im Kopf, ganz gleich in welcher Beziehung man zum Vater gestanden haben mochte, ganz gleich auch, welch apokalyptisches Endzeitszenario sich im Hintergrund möglicherweise auftut und die Seele belastet, wenn man fast nahtlos zur sowohl das nötige Maß an Pietät wie auch Trauer nicht missenden Szene der Auffindung des toten Vaters in seinem Schlafzimmer (der da oben übrigens noch halb warm liegt) , die Sätze ließt, bzw. um die Ohren gehauen bekommt:

Die gute Anna schien nicht auf Streit aus zu sein. Megan kam nach draußen.

Hallo, ich wusste gar nicht, dass wir Besuch haben“, sagte sie überrascht.

Hallo, ich bin Anna Koch vom Jugendamt. Ich würde gerne ein paar Dinge mit dir besprechen.“

Nur drei Sätze weiter:

Bei einer Tasse Kaffee wurden die Fakten auf den Tisch gelegt.

Ach her je. Na, dann lasst uns mal die Fakten auf den Tisch legen. Man hätte die Lektorin oder den Lektor, oder wer auch immer sich so nennen will, sofort fragen müssen, warum von deren Seiten nicht gleich vorgeschlagen wurde, aus der Sang- und Klanglosen „Tasse Kaffee“ eine „gute Tasse Kaffee“ zu machen. Das wäre doch um ein Vielfaches ausdrucksstärker und stimmiger, oder etwa nicht? „Megan, setz schon mal Kaffee auf. Wir haben Besuch.“ Natürlich, der Vater ist soeben verstorben und seine Mädels schnacken schon wieder in der Küche bei einer guten Tasse Kaffee. Das wäre in der Tat der Situation angemessen, denn Frauen neigen ja bekanntlich dazu alles tot zu quatschen, bei einer guten Tasse Kaffee alle mal.

Ja, kann ja durchaus sein, dass man im Angesicht des Todes auch mal nen Pott schwarzen Kaffee zu sich nimmt. Aber muss man das mit dazuschreiben? Auch ein Teenager ist kein emotionaler Springfloh. Da möchte bei mir nur gerechter Zorn aufkommen.

Natürlich rückt der Tod des eigenen Vaters für die durchschnittliche Abiturientin ein wenig in den Schatten, wenn Eduard, eine Art geklontes Zwitterwesen aus Brad Pit und George Clooney, also Gott himself, nur noch Augen für den Liebreiz von Alice hat. Der lässt nämlich mit seinen funkelnden, grünen Augen nicht nur Alice Herz schneller klopfen, sondern alsbald auch deren Tür, um seine sich in anzunehmender Trauer befindende Herzschmerzliebe zu trösten. In solch einer verfahrenen Situation, die wohl für jeden weiblichen Teenager, der gerade mal seine Bravo Zeiten hinter sich haben dürfte, eine nur durch und durch als verwirrend anzunehmende Grenzerfahrung darstellt, kann man den verbalen Blackout schon verstehen, als Alice den Polizisten fragt:

Was passiert nun mit der Leiche?“

Ja bin ich hier im Tatort, fragt sich da nur der Leser. So unterscheiden sich aber vielleicht nun mal Mädchen von Jungen Phantasien, mag Mann sich noch denken. Wäre Alice ein solcher, ein Mann, so bestünde Gottes Wirklichkeit womöglich aus lauter Zynthias im Erscheinungsbild von Selma Hayek oder aber Britney Spears, an deren rot lackierten Zehen er begleitet von ihrem sirenenhaften Gesang „Ups, I did it again“ dann kauen darf, nachdem sie den Armen kurz zuvor in den Wahnsinn gevögelt haben, pardon, trieben. Mädchen träumen schließlich auch von Ponys mit geschweifter Mähne, oder aber Prinzen auf einem stattlichen Hengst. Jungs doch nur von röhrenden Motoren, quietschenden Reifen, Ross Meyers Mega Vixen, oder aber Dolly Busters einmal Getragenem. Nichts da, mit Boygroup Schönlingen aus dem Fernsehen. Eher schon who the fuck is Alice.

Und der so Angesprochene, quasi einer Soap Opera oder Boy Group Entsprungene, feurig funkelnde Götterbote, hat ja erst einmal seinem Stande angemessen auch nichts Besseres zu tun, als in seiner jede „zahnbespankte“ Teenagerin in den Kreisch Zustand versetzenden geleckten Schönheit, den türkischen Kioskbesitzer um die Ecke zu bringen. Warum? Ja natürlich, er wollte nur spielen. Diese Jungs wollen immer nur spielen. So sind sie nun mal, die Ikonen der Mädchenphantasien. Es obliegt dann selbstverständlich Alice, der reifen Abiturientin, die sich ja gerade auch noch anschickt die Welt zu retten, um gegen dieses eklatante Missverhalten Eduards anzugehen. Mit dem ethisch und moralisch, nachhaltigem Zeigefinger verweist sie auf sein Adamsgeschlecht, um ihm sein infantiles, unverantwortliches Handeln vor Augen zu führen.

Wer böte sich für dieses Vorhaben als Projektionsfläche der Bravo lesenden Pickelgesichter aus der Unterstufe auch besser an als sie, Alice, auf der die Blicke der Schulmädchen ohnehin kleben dürften? Alleine schon, weil sie doch so beliebt ist. Und das, obwohl an ihrer Seite die jüngere Schwester steht, die als kaum noch auszumachende „Timotehafte“ Schönheit anzunehmen ist, so geblendet wird man von ihrer äußerlichen Beschreibung.

Ins rechte Licht rücken nennt man sowas. Vorankündigungen darüber, wie wohl eine mögliche Ehe zwischen Eduard und Alice aussehen könnte:

Schatz, Sex erst, wenn du den Mülleimer runtergebracht hast.“

Als von dieser Spielart des Feminismus nicht vollends überzeugter Mann, möchte man da Alice, wie im Wunderland, die eigene Geschichte vorhalten:

Alice, du hast es hier mit einem Gott zu tun. Der darf im Stehen pinkeln. Der darf das sogar frei Hand.“

Doch sie muss halt etwas ganz besonderes an sich haben, unsere Alice. Das fällt auch Gott auf. Auch wenn der sich nicht ganz schlüssig darüber zu sein scheint, was es genau ist. Er hört sie halt gut. Ihre leidenschaftliche Emotionalität, ihre überbordende Phantasie.

Was lässt sich also zu dieser Kaffeeszene noch weiter sagen, außer eben, dass solch offensichtliche Eseleien, ganz sicher nicht eine gewissenhafte Durchsicht genossen haben. Fehlte nur noch, (warum muss ich eigentlich erst auf diese brillante Idee kommen?), eine der Schwestern aussprechen zu lassen:

Ach komm, das war so ein beschissener Tag. Lass uns shoppen gehen.“

Solche Stellen lassen sich meiner Ansicht nach nicht nur durch spitzfindigen Sarkasmus, oder gar Humor erklären. Hier offenbaren sich nicht nur (aber auch) die Tücken des Self Publishing.

Zum einen ist es schon richtig, dass die Erzählung, trotz der an sich düster gehaltenen Thematik, unter anderem auch von der Leichtigkeit und Unbeschwertheit Larissa Reiters Erzählstils lebt. Andererseits muss man sich entscheiden, was und wie man erzählen möchte. Das gilt auch schon nur für eine Rezession.

Nach dieser barschen und viel zu hart ausgefallenen Kritik, ist es nicht nur der Fairness halber ein absolutes muss, zu sagen, dass ich „Er kam“ beinahe an einem Stück durchgelesen habe. Nicht weil ich so schnell lese, das Gegenteil ist der Fall, sondern weil das Lesen einfach so viel Spaß gemacht hat. Letztendlich ist die Freude am Lesen für ein lesenswertes Buch nämlich entscheidend, und „Er kam“ erfüllt dieses Kriterium. Vom Ideenreichtum der Autorin sollte sich der eine oder andere Schriftsteller ruhig mal eine Ecke abschneiden. Ich kann es auch nur nochmals wiederholen. Bei solchen und ähnlichen Szenen wie der Kaffeeszene wird mir schlagartig bewusst, dass ich ein Mann bin. Einer zudem, der seine Schulzeit auf einem Jungeninternat abgesessen hat, und daher womöglich der schwärmerische Sprachduktus von pupertierenden Schulmädchen ein wenig schräg in den Ohren hängt. Auch auf mein Alter sei nochmals gesondert verwiesen. Lassen wir es darauf beruhen.

Larissa Reiters Erstling „Er kam“ und ihr eigenwilliges Vermarktungskonzept haben mich sehr überrascht und überzeugt. Und zwar dahingehend, dass es der Jungautorin gleich schon mit ihrer ersten Erzählung gelungen ist, einen gleichermaßen spannenden wie phantasievollen Roman von knapp 400 Seiten vorzulegen, den man nach den ersten gelesenen Seiten nicht mehr so schnell aus den Händen lässt, wie auch die herzerfrischend, unbekümmerte Art und Weise ihres Herangehens und ihrer Dokumentation (Larissa Reiters Homepage) der zu bewältigenden kleinen und großen Abenteuer auf ihrer Spendentour mit Rad und Hund quer durch Deutschland. Man verfolgt in Bild und Text die Etappen der Sommerreise einer sympathischen, jungen Frau, geht gedanklich mit auf Reisen. Sowas macht schlicht und ergreifend nur Freude und gute Laune. In Allem, eine wirklich runde und gelungene Sache. Nicht nur die Bilder, sondern auch das Lesen.

Man darf also sehr gespannt sein, ich bin es alle mahl, wie diese bemerkenswerte Reise, auch die Literarische, für Larissa Reiter weitergeht. Ich wünsche ihr dafür das Beste.

Zum Schluss sei mir diese eine Bemerkung noch erlaubt:

Gott ist nicht tot, sondern über der Lektüre von Larissa Reiters Roman so vertieft, dass er für alles andere keine Zeit mehr hat.

Tim Weber (43 Jahre)

Danke für die ehrliche Rezension.

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